AUGENBLICKE DER AKTUALISIERUNG
2007

von Dr. Mareike Teigeler

„Wohin geht ihr? Woher kommt ihr? Was wollt ihr erreichen? Das sind unnütze Fragen. Reinen Tisch machen, bei Null anfangen oder neu beginnen, einen Anfang oder eine Grundlage suchen – all das sind falsche Vorstellungen von Reise und Bewegung.“ (G.Deleuze). Kathrin Horsch unternimmt in ihrer künstlerischen Arbeit eine andere Form der Reise, eine Form, die Gilles Deleuze in der Fortsetzung des genannten Zitats als „von der Mitte ausgehend, durch die Mitte hindurch“ beschreibt. Ohne stabile Bezugspunkte begibt sich Kathrin Horsch in eine Art „Feldforschung auf der Straße“, bei der es ihr um „das Wahrnehmen und Festhalten alltäglicher Situationen, die Konfrontation mit Menschen“ (K.Horsch) geht. Ihr Thema im Kontext dieser Feldforschung ist die Positivität, nicht die Interpretation; ihre fragmentarischen Aufzeichnungen zeigen das aus seinem aktuellen Zusammenhang herausgelöste, situative Funktionieren wechselnder Ereignisse. Innerhalb dieses Funktionierens richtet Kathrin Horsch ihr Augenmerk auf das Warten und Erwarten, in deren Umkreis sie sowohl die Erwartungshaltung an sich, als auch der Vorgang der Erzeugung und Konfrontation derselben aus und mit dem Warten heraus interessiert.
Auf verschiedenen Ebenen versucht sie, Situationen zu provozieren, die ihr Ziel nicht im Verstehen oder Einschätzen des Gebotenen, sondern vielmehr gerade darin zu suchen scheinen, unvoreingenommen das von Außen kommende wahrnehmen, aufnehmen und miteinander verknüpfen zu können. Die so erreichte Spannung löst die Trennung zwischen dem Produkt, dem Erwarten, dem Warten auf etwas Besonderes und der Produktion desselben, dem Warten an sich, auf; es entsteht ein Zustand, in welchem sowohl Kathrin Horsch als Künstlerin, als auch die Betrachter und Teilnehmer ihrer Projekte sich in einer permanenten Auseinandersetzung mit und innerhalb der hin und her changierenden Stränge zwischen Warten und Erwarten befinden, ohne jedoch einer bestimmten Erwartungshaltung, einem Orientierungsmuster zu folgen.
Die Affekte, die durch die künstlerische Arbeit Kathrin Horschs entstehen, schaffen Intensität, ohne auf einen Höhepunkt ausgerichtet zu sein, sie gewinnen ihren Reiz dadurch, eben einen solchen Höhe- oder Endpunkt im Sinne einer festgeschriebenen Erwartungshaltung in ein Feld von Mannigfaltigkeit zurückzusetzen. Kathrin Horsch versucht, strukturales Denken, welches auf das Erklären des Handelns des Einzelnen ausgerichtet ist in eine Zirkulation von Zuständen zu übersetzten, die keiner Orientierung bedarf. „Etwas passiert, oder passiert nicht. Es gibt nichts zu erklären, nichts zu verstehen, nichts zu interpretieren.“ (G.Deleuze) Ihre Arbeit orientiert sich im Gegenteil daran, über den Vorgang des Experimentierens einen immer wieder neuen Eingriff in die Wirklichkeit vornehmen zu können und auf diese Art und Weise einen fließenden Strom aus Erwartungen herzustellen, der nicht der vermeindlich richtigen, sondern einer Vielzahl kurzlebiger Ideen entspringt.
Die beiden im Folgenden dargestellten Werke der Künstlerin zeigen diese Augenblicke der Aktualisierung in mehrdimensionaler Art und Weise:
In einem ihrer Projekte ohne Titel stellt eine Anzeige mit dem Text „suche für Kunstprojekt Männer und Frauen unterschiedlichen Alters für Videoaufnahmen. Gerne SMS. Rufe zurück“ die Basis dafür dar, Erwartungshaltungen zu wecken, Erwartungen hervorzurufen. Indem sie die Personen, die ihrer Anfrage folgen für zehn Minuten in einem Raum, der allein durch einen Hocker gefüllt ist, mit einer Videokamera filmt, bringt Kathrin Horsch die Interessenten in einen Zustand, der sie mit dem Warten konfrontiert, sie mit dem Warten alleine lässt. Etwas passiert oder passiert nicht. Anstatt von bestehenden Verbindungen und übergeordneten Informationen ausgehen zu können, die die Erwartungshaltung entweder in einen erfüllten oder enttäuschten Zustand überleiten, wird das Warten hier selbst als Zustand konstruiert. Warten und Erwarten werden sowohl für den Protagonisten als auch den Betrachter, der die SMS Aufzeichnungen, den Ton und die Videoprojektion des leeren Hockers sieht, bzw. hört in ihrer Prozesshaftigkeit deutlich; nicht etwas Bestimmtes passiert aus einem bestimmten Grund heraus oder passiert eben nicht, sondern Etwas passiert oder passiert nicht und dies immer wieder. Die sich dieser Prozesshaftigkeit gemäß ständig aktualisierenden Einschätzungen oder Wünsche der beteiligten Personen werden somit in ihrer produktiven Gestalt sichtbar, sie können verändert und erweitert werden, ohne sich an einer Ursprungsinformation, einem Gedächtnis orientieren zu müssen.
In ihrer Arbeit mit dem Titel Möhrensaft ging Kathrin Horsch 72 Tage lang zu ein und demselben Saftstand und bestellte sich einen Möhrensaft. Die in dieser Zeit entstandenen Gesprächsabläufe sind in einem Buch und als Audioversion festgehalten.
Die sich im Zuge dieses Projektes wiederholenden Abläufe alltagskommunikativer Art schaffen einen Zustand, der den Vorgang der Erzeugung einer Erwartungshaltung durchkreuzt; eine Haltsuche kann hier allein dadurch stattfinden, sich der Wiederholung hinzugeben, die Augenblicke der Aktualisierung der Situation als Spielraum zwischen Warten und Erwarten sowohl wahrzunehmen als auch auszufüllen, ohne auf eine Fixierung, einen End- oder Anfangspunkt hinzusteuern oder zurückgreifen zu können. Kathrin Horsch begreift Wiederholung nicht als mechanischen Vorgang, der das Entstehen von etwas mit etwas vorgängig identischem anstrebt, sondern versucht vielmehr innerhalb des Vorgangs der Wiederholung das jeweilig Ereignishafte herauszustellen. In diesem Sinne entsteht auch hier, ähnlich dem zuvor geschilderten Projekt inmitten des dargestellten, sich dauerhaft erneuernden Spannungsbogens eine Pause; eine Pause davon, sich dem Kreislauf der permanenten Interpretation und Festlegung der eigenen Identität preisgeben zu müssen. Kathrin Horsch bestimmt Haltsuche vielmehr als einen nicht abschließbaren Prozess, innerhalb dessen kurze, situative Momente existieren, deren Handhabung auf dem Boden einer erst dieser Situation entspringenden Erwartung in immer weitere Auseinandersetzungen gespannt werden kann. Die Reise, die sie innerhalb ihres mikroanalytischen Schaffens bestreitet, beschreibt somit „eher gehen und kommen als aufbrechen und ankommen.“ (G.Deleuze)