EIN MOMENT
2009

Text- Lena Huber, Zürich

Es ist ein eigenartig künstlicher Moment, der uns mitten im Alltag stolpern lässt. Ein Wimpernschlag, der das Belanglose vom Sonderbaren trennt und uns für Sekunden aus dem Dämmerzustand alltäglicher Verrichtungen reißt. Sei es, dass eine etwas groß geratene Gruppe von Menschen mit bunten Mützen einen Bus besteigt, ein Hund eine Brunnenskulptur anbellt oder sei es auch, dass wir uns selbst auf einmal wie von außen wahrnehmen und Subjektivität und Objektivität ein irritierendes Paar bilden.

Im Werk von Kathrin Horsch werden solche Momente thematisiert und mit den Mitteln audiovisueller Medien ent- oder je nach dem verschlüsselt. Ein Beispiel wäre die lange Promenadenbank Bank am Hamburger Hafen, die an hundert Tagen von der Künstlerin fotografiert wurde und ein witziges Archiv aus Jacken, Hunden, Taschen, Sitz- und Liegeordnungen sowie Snack-Variationen bildet. Wie durch einen Kratzer im Vynil springt unsere Wahrnehmung auf der Stelle, wenn ein alter Diaprojektor flackernd die Bildfolgen auf die Wand wirft.

Dieser Kratzer ist bezeichnend für viele Arbeiten und Teil einer fortschreitenden Dekonstruktion im Werk von Kathrin Horsch. Eine Handlung, wie sie gewöhnlicher nicht sein könnte, wie im Fall der Möhrensaft-Dialoge, wird in Einzelteile zerlegt, als wäre Realität eine mathematische Summe. Auf einmal wirkt das Gesprochene durch die mediale Zerlegung wie ein Hohlkörper, ein Resultat, emotionslos und folglich erschreckend neutral.

Was hinter den täglichen Handlungen liegt wird auch in den großen Zeichnungen thematisiert. Ein Geflecht aus wiederkehrenden und doch leicht veränderten Bewegungen und Radien, entwickelt sich, wenn die Künstlerin mit Hilfe ihrer mentalen Landkarte ihre täglichen Wege zieht und das Komplexe daran genauso sichtbar wird, wie das Banale.

Immer wieder richtet sie das Augenmerk auf sich selbst, misstraut ihrer Rolle und analysiert ihre ritualisierten Gesten, nimmt im Falle der Zeichnungen die Vogelperspektive ein und lässt den Betrachter im nächsten Moment schon zusehen, wie auf einer weißen Fläche in ihrem Atelier ein Bild Punktevideo entsteht.

Am deutlichsten wird die Frage nach der eigenen Rolle in der Arbeit Galopp, die auf das Rennen um die Wette im Kunstbetrieb anspielt. Während der Ausstellung zum Hamburgstipendium 2008 löst jeder Besucher im Foyer der Kunsthalle das Signal eines galoppierenden Pferdes aus und wird, kaum eingetreten, bereits zum Parameter eines Kunstwerks.