DIE GUNST DES AUGENBLICKS

Einführungsrede in die Ausstellung geradeaus vielleicht einmal im Kreis und von vorn
von Dr. Mareike Teigeler, Soziologin



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Meine einleitenden Worte zu Kathrin Horschs Ausstellung geradeaus vielleicht einmal im Kreis und von vorn handeln von der „Gunst des Augenblicks“. Vom sogenannten Kairos. So nannten Philosophen des antiken Griechenlands diesen besonderen Moment, diesen Augenblick, den man nicht verstreichen lassen darf. Für die Griechen ist der Kairos das Pendant zu Chronos, der messbaren Zeit, die in immer gleichbleibendem Tempo verrinnt. Chronos und sich daraus ableitend auch die Chronologie zeichnen sich durch ein Nacheinander, durch eine kontinuierliche Abfolge von Zeitpunkten aus. Wenn wir uns also überlegen, wie lange etwas dauert, oder gedauert hat, wie viel Zeit bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zur Verfügung steht, oder wie wir uns, die Zeit, die wir bis zu diesem Zeitpunkt haben am besten einteilen können, dann folgen wir diesem chronologischen Zeitverständnis.
Einem Zeitverständnis, das einer bestimmten, einer vorgegebenen Richtung folgt. Sobald der eine Zeitpunkt vergangen ist, folgt ihm ein weiterer, der dann jedoch ein anderer ist. Indem wir sie messen, verfügen wir über die Zeit und erfassen die Wirklichkeit als ein geordnetes Nacheinander von Ereignissen.
Ganz anders der Augenblick im Sinne eines Kairos. Mit seinem Blick öffnet sich eine Dimension, die die geordnete Zeitstruktur des Chronos durcheinanderbringt. Im Augenblick, so wie Kathrin Horsch ihn präsentiert, wird eine zeitlich geordnete, lineare Abfolge von Ereignissen außer Kraft gesetzt. Gerade nicht, weil innerhalb dieser Abfolge etwas Besonderes passieren würde. Sondern, weil der Augenblick als etwas erscheint, das sich in jedem Augenblick entscheidet.
Diesen Unterschied verdeutlicht Kathrin Horsch, indem sie zunächst die Erwartung in Bezug auf etwas Kommendes provoziert und auf diese Weise einen besonderen Augenblick in Aussicht stellt. Dieses Besondere jedoch festzumachen, gelingt gerade nicht. Vielmehr zeigt sich der Augenblick in den Konstellationen, die Kathrin Horsch vorstellt als ein Freiraum, den es durch die Betrachter*in zu füllen gilt.
Im Falle des Fensters wird das Streben nach dem Besonderen zunächst dadurch provoziert, dass das Fenster uns, fast im Sinne einer Zielscheibe, nicht nur anzieht, sondern gleichzeitig ein konkretes Ergebnis in Aussicht stellt. Im Blick durch das Fenster jedoch, in diesem Augenblick, wird uns klar, dass sich dieses Ergebnis nicht herstellt. Vielmehr und stattdessen werden wir in einen Raum gezogen, der uns ein konkretes Ankommen unmöglich macht. In diesem Raum geht es immer weiter. Und trotzdem scheinen wir nicht recht voranzukommen. Obwohl wir das Gefühl haben, immer tiefer in den Raum zu gehen, erfüllt sich zunächst nichts. Etwas Abschließendes, an das wir im Sinne einer Abfolge anschließen könnten, bleibt uns verwehrt. Was wir jedoch wahrnehmen ist ein Sog, der eben dieser ergebnislosen Unabschließbarkeit zu entspringen scheint. Statt eines Ergebnisses entsteht Freude am nicht enden Wollenden; ein Gefühl, von dem man sich losreißen muss. Was passiert scheint einfach zu passieren. Nichts, das wir konkret machen, oder beweisen könnten.
Hat man sich dem Sog des Fensterraums entrissen, schreitet man innerhalb des Platzes auch weiterhin auf andere Art und Weise voran. Es ist nicht so, dass, da man den Fensterraum verlassen hat, etwas Bestimmtes abgeschlossen und etwas Anderes beginnen würde. Wieder geht es einfach weiter. Schritt für Schritt.
Der Unterschied zwischen der Gunst des Augenblicks als Möglichkeit, etwas Besonderes oder Außergewöhnliches zu entdecken und der Wahrnehmung, dass ein Augenblick jeder Augenblick sein kann, ist das Spannungsfeld, auf dem wir uns im wahrsten Sinne des Wortes bewegen. Auch der von Kathrin Horsch auf dem Platz verortete Kreis verspricht uns auf den ersten Blick eben jenes Besondere. Schließlich könnte an ihm, in, oder um ihn herum jederzeit etwas stattfinden. Ein Anpfiff, eine Aufstellung, ein Wettbewerb. Wieder aber erfüllt sich diese Hoffnung nicht. Denn statt einer möglichen Erklärung, welche Bedeutung dem Kreis zukommen könnte, werden wir mit der Abwesenheit eben jener konkreten Bedeutung konfrontiert. Diese fast schon abgründige Leere, diese Abwesenheit von Bedeutung aber lässt uns mit ihm auf andere Art in Beziehung treten. Wie beim Blick durch das Fenster verfallen wir dem Sog seiner Bewegung.
Paradoxer Weise scheint es also gerade die Unterbrechung einer von uns erwarteten Abfolge, die plötzliche Abwesenheit von Bedeutung zu sein, die ein „Mehr“ an Gedanken, Wahrnehmungen und Empfindungen produziert. Dieses „Mehr“, dieser Sog, orientiert sich gerade nicht an einem Schema der Kontinuität oder Chronologie. Dieses „Mehr“ geht aus einer anderen Bewegung hervor: aus einem Fortgang ohne vorgegebene Richtung. Im Kreis wird es sinnlos nach vorne oder hinten zu denken. Das Davor ist wie das Danach. Es gibt nichts, das uns absichern würde. Und dennoch bahnen wir uns einen Weg.
Die von Kathrin Horsch eröffneten Räume werden also nicht auserzählt. Vielmehr erscheint der Schauplatz als ein mosaikartiges Zusammenspiel, das durch den steten Klang der Schritte einer ebenso steten Fortsetzung folgt. Die Erzählung dieses Schauplatzes erfüllt sich demnach nicht wie ein Parcours, den es auf bestimmte Art und Weise zu durchlaufen gilt. Vielmehr realisiert er sich, indem er mit jedem seiner Schritte gerade die fehlende Möglichkeit zu einem Abschluss zu kommen reproduziert. Das einzige Gefühl, das sich tatsächlich nach und nach einstellt, ist, dass sich die Hoffnung, dass sich diese Möglichkeit doch noch einstellen würde, verflüchtigt. Es gibt einfach nichts, das uns eines bestimmten Sinns versichern würde. Scheinbar lässt uns auch nichts, das vielleicht einfach nur noch zu undeutlich wäre, dessen Existenz sich uns noch nicht offenbart hätte zu diesem Abschluss kommen. Vielleicht keimt beim Anblick des im Kreis stehenden Beamers noch einmal Hoffnung auf. Doch es wird sich zeigen, dass auch alle weiteren Schritte ins Leere laufen werden. Solange, bis sie keine einzelnen Schritte mehr sind. Bis sie in ein Laufen übergehen, in einen Sog geraten. Bis sie in etwas aufgehen, das man vielleicht als einen Augenblick bezeichnen könnte. Den Augenblick, der noch nicht und gleichzeitig nicht mehr zu greifen ist.
Auch ein Text hat Anfang und Ende. Oft ist er dazwischen in Kapitel unterteilt, die sein Ende nach und nach in Aussicht stellen. Das ist auf der einen Seite beruhigend. Ein nicht enden wollender Text wäre schwierig. Für alle Beteiligten. Trotzdem liegt darin, vor allem in einem Text über Kathrin Horschs Arbeit natürlich auch ein Paradox.
So habe ich in meiner Beschreibung mit dem Blick in das Fenster begonnen. Genauso gut hätte ich aber auch bei den stetig zu vernehmenden Schritten, dem Kreis, oder einer Installation, die sich erst im Dunklen zeigt, beginnen können. In Kathrin Horschs Arbeit geht einem Anfang immer schon etwas voraus, das ihn zugleich ermöglicht und unmöglich macht. Die Entscheidung für meinen Anfang konnte also nur „auf gut Glück“ geschehen. In der Hoffnung, dass aus diesem Anfang etwas folgt. Ganz ähnlich verhält es sich auch mit dem Schluss.
Und so bleibt mir gar nichts anderes übrig als nun augenblicklich und doch nicht enden könnend mit einem in jedem Falle wünschenswerten „Fortsetzung folgt“ zu enden..