Text zur Ausstellung flow and stir

Thermodynamische Kunst zwischen Macht und Kontingenz
Dr. Klaus Frieler

In ihrer mehrteiligen Installation flow and stir erforscht Kathrin Horsch thermodynamische Metaphern zur Gesellschaft und das Leben selbst. Dabei stehen u.a. Tischtennisbälle (viele, viele Tischtennisbälle!) und Murmeln stellvertretend für das Individuum, das externen Kräften wie Ventilatoren, Föns oder der Gravitation ausgesetzt ist. Dies demonstriert auf suggestive Weise, wie Zufall (Kontingenz) und physikalische Kräfte (Macht) den Zustand des Einzelnen wie den von Gruppen beeinflussen. Dabei stehen in vielen Teilaspekten der Installation Fließgewichte im Vordergrund. Fließgleichgewichte sind im statistischen Mittel stabile Konfigurationen, bei denen es aber immer unvorhersagbare Fluktuationen gibt. Diese Fluktuationen können für das Individuum große oder gar katastrophale Konsequenzen haben, und gaukeln permanent eine (Schein-)Aktivität vor, die über den eigentlich stabilen Zustand des Gesamtsystems hinwegtäuschen können. In dieser Installation produzieren sie auf jeden Fall auch ästhetische und spielerische Qualitäten.

So streiten sich etwa zwei sich gegenüberstehende Ventilatoren um die Vorherrschaft über einen einzelnen Tischtennisball, der auf eine Holzschiene zwischen diesen verfangen ist. Da beide Ventilatoren etwa gleich stark sind, findet sich der Ball in einem Gleichgewicht in etwa der Mitte zwischen den Ventilatoren wieder. Da aber die Ventilatoren nicht exakt im gleichen Abstand zu den Enden der Holzschiene positioniert sind, ist der Gleichgewichtspunkt etwas in Richtung des einen verschoben, über das es aber kein echtes Hinauskommen gibt. Allerdings sorgen kleine Turbulenzen in den Luftströmen sowie kontingente Druckschwankungen im umgebenen Raum dafür, dass der Ball immer wieder kurz aus seiner Gleichgewichtslage in kurze Oszillationen getrieben wird. So findet Bewegung statt ohne dass am Ende wirklich etwas von der Stelle kommt (was übrigens auch als Definition von Oszillation dienen kann).

Eine Variation desselben Themas bietet eine andere Teilinstallation. In dieser kämpfen zwei große und zwei kleine Ventilatoren um den Verbleib einer großen Menge von Tischtennisbällen, die sich in einem etwa 1,5 x 1,5 m großen Stahlrahmen am Boden befinden. Die Menge der Bälle visualisiert dabei direkt den Wirkungsbereich der Luftströme, wobei die kleinen perpendikular angebrachten Ventilatoren für dauernde Störungen sorgen, die einen kleinen Teil der Bälle erratisch im Stahlrahmen herumflitzen lässt. Auch in dieser Installation bewegt sich immer irgendetwas, und das unvorhersagbar, aber im Grunde tut sich nichts. Interessant ist aber, dass es manchmal Tischtennisbälle schaffen, dem Stahlrahmen zu entkommen. Dann entkommt der Ball zwar dem Rahmen, aber auch den antreibenden Kräften der Ventilatoren, so dass er außerhalb des Rahmens irgendwo ganz zur Ruhe kommt. Die Versuchung dies als Metapher für Individuen in der Gesellschaft zu deuten, liegt nahe. Werden die Störungen zu groß, dann kann man zwar dem Gefängnis dieses (thermodynamischen) Systems entkommen, aber man verliert dann auch die antreibende Kraft, so dass dem Individuum nur die „Wahl“ zwischen scheinbewegtem Fließgleichgewicht und kompletter Stasis bleibt.

Eine weitere Teilinstallation wirft noch einen etwas anderen Blick auf das Zusammenspiel von scheinbar deterministischen Kräften und das Individuum. Es handelt sich dabei um eine lange Bahn aus dünnen Holzschienen, die ein Gefälle aufweist. An einem Ende findet sich eine weitere, an der Wand befestigte ebenfalls geneigte Holzbahn, auf der gewöhnliche Murmeln darauf warten, vermöge einer Exzenterscheibe auf die Reise über die lange Bahn geschickt zu werden. Am anderen Ende derselben fungiert ein Stück Kunstrasen als Auslauf- und Auffangfläche, über der eine Triangel von der Decke baumelt. Schafft es eine Murmel, die ganze Bahn hinunterzulaufen, dann berührt sie entweder die Triangel, worauf ein feiner Ton erklingt, oder sie berührt sie nicht. Doch oft kommen die Murmeln gar nicht so weit, sondern fliegen irgendwo vorher aus der Bahn. Der Clou an dieser Teilinstallation sind nun die seitlich zur Bahn auf dem Boden in einer Reihe angeordneten kleinen weißen Styroporwürfel. Fliegt eine Murmel seitlich hinaus, so schießt sie eine Bresche in die Würfelreihe und bringt diese durcheinander. An der Konfiguration der Würfel lässt sich dann ablesen, dass diese Aberrationen (im wahrsten Sinne des Wortes) der Murmeln bestimmten statistischen Mustern folgen und mitnichten alle Möglichkeiten ausschöpft, sondern die Murmeln bevorzugt an bestimmten Stellen die Bahn verlassen, den „Sollflugstellen“. Auch wenn sich die Murmeln immer wieder oben nachladen lassen, so dokumentieren die in Unordnung gebrachten Würfel doch eine Geschichtlichkeit dieser Versuchsanordnung und stellen damit Irreversibilitäten (Spuren) dar, wie sie auch scheinbar reversible, aber kontingente (physikalische) Systeme in der Welt hinterlassen können. Nur indem man zusätzliche Energie aufwendet und die Würfel wieder in Reih und Glied bringt, lassen sich diese Spuren tilgen, bis zur nächsten aus der Bahn geworfenen Murmel. Auch der hier dargestellte zweistufige Prozess scheint hoch signifikant. Eine Murmel muss zunächst die ganze Bahn durchlaufen, was an sich schon eine „Leistung“ ist, denn die Wahrscheinlichkeit aus der Bahn geworfen zu werden ist hoch, bevor sie dann das vordergründige Ziel, die Triangel, überhaupt erreichen zu können, was dann aber ebenso oft auch nicht geschieht. Für einen leicht pessimistischen Menschen liegt es nahe sich mit einer solchen Murmel zu identifizieren, die es zwar bis ans Ende schafft, aber die Triangel verfehlt, was ein sehr trauriger Vorgang zu sein scheint, bis man sich schließlich klar macht, dass am Ende doch alle Murmeln auf dem Kunstrasen zu liegen kommen und das feine Pling der Triangel schnell vergessen ist.

Die vielleicht physikalisch interessanteste aller präsentierten Teilinstallationen, von der ein meditativer Charm ausgeht, ist der „Tropfenverdampfer“. Bei diesem ist Wasser in einem Plastikrohr gefüllt, das senkrecht nach unten an der Decke hängt und das in einen Strohhalm ausläuft. Am Ende des Strohhalms bildet sich wie bei einem tropfenden Wasserhahn immer ein Tropfen. Direkt darunter steht auf dem Boden eine einzelne elektrische Kochplatte, an die ein Mikrophon installiert wurde. Alle paar Sekunden (das genaue Intervall ist ohne Stoppuhr für einen Menschen schwer zu schätzen, da es länger als die subjektive Präsenzzeit von 2-3 Sekunden ist) fällt ein Tropfen hinunter und landet auf der heißen Kochplatte, wo er zischend verdampft. Das Zischen wird durch das Mikrophon aufgenommen und über eine Verstärkeranlage im Raum hörbar gemacht. Des Weiteren wird der Tropfen von einer Kamera beobachtet und das Bild an die dahinterliegende Wand projiziert. Diese „thermodynamische Tropfentrommel“ verdeutlicht nicht nur das (sinnlose) Vergehen von Zeit, sondern auch die vielfältigen Umwandlungsprozesse von Energie. Der Tropf selbst hat Gravitationsenergie gespeichert, in dem das Wasser in das Rohr an die Decke verbracht wurde. Diese wird dann in Dehnungsenergie transformiert, bis die Schwerkraft größer als die wasserinternen Kohäsionskräfte werden. (Diese sind molekulare Kräfte, die verhindern, dass das Wasser verdampft, sondern eine Flüssigkeit bildet. Diese Kräfte sind letztlich auf die elektro-magnetische Wechselwirkung zwischen den Wassermolekülen zurückzuführen). Löst sich der Tropfen ab, wird die gespeicherte Schwerkraft in Bewegungsenergie des fallenden Tropfens umgesetzt. Landet der Tropfen auf der (durch Strom beheizten) Kochplatte, so sorgt diese durch Wärmezufuhr dafür, dass der Tropfen verdampft, wobei die einzelnen Wassermoleküle auseinander getrieben werden und gegen die Schwerkraft nach oben steigen. Durch den plötzlichen Wechsel des Aggregatzustandes wird Energie frei, die in Form von akustischer Energie (letztlich Bewegungsenergie der Luft), als Schall, abtransportiert wird. Das Mikrophon und die angeschlossene Verstärkeranlage nehmen diese Energie zum Teil auf, verstärken diese durch deren innere elektrisch betriebenen Schaltkreise und setzen damit mechanisch Lautsprechermembrane in Bewegung, die wiederum ihre Bewegungen an die Luft als Schall abgeben. Dieser wird dann vom Ohr des Betrachters (oder besser: Zuhörers) zunächst in mechanische Energie des Trommelfells und der Cochlea umgesetzt, die dann wieder in die elektro-chemische Energie der Nervenzellen der Hörbahn und des Gehirns transformiert wird, was am Ende subjektiv als feines Zischen erscheint. (Und wo ist das Wasser letztlich geblieben? Als nicht mehr wahrnehmbarer Wasserdampf in der Raumluft.) So ist diese Installation nicht nur eine feinsinnige Demonstration vielfältiger Energieumwandlungsprozesse, die ständig und überall stattfinden, und derer man sich selten bewusst ist, sondern funktioniert gleichzeitig auch als Vergrößerungsglas für die ästhetischen ansprechenden Prozesse von Tropfenbildung und Verdampfung. Schließlich wird es damit zu einer Meditation über Zeit, Energie und Prozesshaftigkeit insgesamt.

Die Installation flow and stir macht alltägliche physikalische Prozesse sicht- und hörbar, regt damit zur Reflexion über scheinbar Selbstverständliches an und weist auf oft übersehene ästhetische Qualitäten von Details des Alltags hin. Es drängen sich aber auch allgemeinere Fragen auf, etwa zur Soziophysik, zu allgemeineren dynamischen Prozessen jenseits primärer physikalischer Gesetzlichkeiten, die Gesellschaft und individuellen Lebensführung im Kraftfeld von Macht und Kontingenz betreffen und denen wir alle ausgeliefert sind, ob wir wollen oder nicht.

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