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FATA MORGANA - DIE ILLUSION EINER ILLUSION?

Zum Projekt Fata Morgana oder die Suche danach

Text von Dr. Klaus Frieler, Physiker

In der Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Fata Morgana und ihrer Entstehung drängt sich die Frage auf, ob es sich dabei wirklich um eine Illusion handelt, wie gemeinhin angenommen wird, denn es wird nichts dargestellt, was nicht auch real vorhanden ist, wenn auch nicht dort, wo man es vermuten würde. Ein Spiegel produziert auch keine Illusion, und eine Fata Morgana ist nichts anderes als ein natürlicher Spiegel oder auch eine Art Fernrohr. Sie ist durchaus vergleichbar mit diesen Verkehrspiegeln, die an gefährlichen Kreuzungen und Straßenbiegungen stehen, damit man um die Ecke schauen kann. Das lässt einen daran denken, dass man nichts direkt wahrnehmen kann. Alles ist nur eine physikalische Interaktion von Licht mit Stäbchen und Zapfen im Auge, diese mit den Sehnerven und dieser mit den visuellen Rinden im Gehirn, aber auch mit Brillen und Kontaktlinsen und der Linse im Auge. Auch das Licht ist nicht das Eigentliche: die meisten Dinge, die zu sehen sind, strahlen ja nicht selbst, sie reflektieren nur Licht, sind also nicht viel anderes als ein Spiegel. Manche Dinge sieht man auch nur, weil sie kein Licht reflektieren, sondern absorbieren, also eine Form negativer Spiegel. All das Licht, das uns sehen lässt, ist also bereits vielfach gespiegelt, transformiert und verändert, nur wahrnehmbar, weil neuronale Netze im Hirn sie zu wiedererkennbaren Mustern zusammenfassen und davon wieder abstrahieren, mit Sinn und Assoziationen ausstatten. Mit etwas gutem Willen zur Abstraktion könnte man sogar sagen, dass unsere Realität nur aus einem großen Netz vielfältiger Fata Morganen besteht. Die meisten sind für uns aber nicht wahrnehmbar, weil sie die Wahrnehmung bereits konstituieren. Fata Morganen zu suchen, wie der Titel der Installation von Kathrin Horsch andeutet, heißt damit auch Realität suchen, oder zumindest das, was uns als Realität erscheint, was sie konstituiert. Es heißt aber auch, dahinter zu blicken, um nicht so zu enden wie die arme Karawane, die zur falschen Oase zieht. Obwohl, wenn man sich die Physik der Fata Morgana anschaut, die Oase gar nicht falsch ist, denn ohne reale Oase keine Fata Morgana einer Oase. Sie wird nur nicht dort liegen, wie eine naive Interpretation des Gesehenen nahelegt. Das Paradoxe ist also, dass eine Fata Morgana sehr real ist, auch wenn sie oft im Gewand einer Illusion daherkommt, etwa weil Schiffe über dem Horizont zu schweben scheinen oder gar auf dem Kopf stehen. Es ist nur die Illusion einer Illusion.
Vielleicht ist es aber eine weitere Eigenschaft von Fata Morganen, die Kathrin Horsch in dieser Arbeit am meisten interessiert: deren Ephemerität. Damit es zu einer Fata Morgana kommen kann, müssen bestimmte Wetterbedingungen herrschen, um das fein abgestimmte Zusammenspiel von unterschiedlich warmen Luftschichten zu ermöglichen, die das Licht so beugen, dass es Objekte von hinter dem Horizont zum Betrachter bringen. Das ist in unseren Breiten nur im Sommer möglich. Das erklärt vielleicht auch die primäre Assoziation von Fata Morgana mit der Wüste. Fata Morganen sind in der Regel kurzlebig und damit schwer zu finden, da schlecht vorherzusagen ist, ob und wann die Voraussetzungen erfüllt sind. Eine Fata Morgana an der Nordsee zu erheischen braucht Sommerwetter und viel Geduld oder Glück. Darüber hinaus ist die Erscheinung einer Fata Morgana generisch unwirklich, sie flirrt und schwirrt (aufgrund der Turbulenzen der heißen Luft), sie wirken immer weit entfernt, ungreifbar, unnahbar, schwer zu fassen, oft wie mit einem silbrigen Schimmer überzogen. Letztlich sieht man die Luft selbst in der Fata Morgana, sie wirkt damit ephemer auf uns. Ähnliches lässt sich auch von Verwehungen im Watt sagen, immer gleich, doch immer anders, immer sich verändernd. Auch das ein Spiel der Luft in Form des Windes. Wind kann man nicht sehen, sondern nur an seinen Auswirklungen erkennen, oder ihn hören und fühlen.

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