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DAS UNAUFHÖRLICHE ANSTEIGEN UND VEREBBEN

Zum Projekt Fata Morgana oder die Suche danach

Text von Dr. Maja Bogumila Hoffmann, Bildende Künstlerin und Autorin

Ein eindringlicher Sound, von innen oder von außen kommend, gefolgt von einem Aufhorchen. Zunächst unabsichtlich, dann deutend. Ein lautes Dröhnen. Ein Brummen, vielleicht. Turbinengeräusche. Eher ein Wehen und Pfeifen. Ein Sturm womöglich. Aufheulen. Gesang.
Dynamisch und kraftvoll ist der Sound von „Fata Morgana – oder die Suche danach“ von Kathrin Horsch, der jenseits der Ausstellungsfäche die Korridore flutet. Seine Eindringlichkeit, nicht seine Lautstärke, bannt uns. Wir scheinen ihm zu folgen. Die Richtung, aus der er kommt, lässt sich nicht verfehlen. So affiziert uns die Arbeit schon, noch bevor wir in den Ausstellungsraum treten. Doch sobald wir es tun, entfaltet sich vor uns ihre volle Präsenz.
Mitten im Sound eingebettet, stehen wir vor einer ca. 8 m breiten x 3 m hohen Projektionsfläche und schauen auf etwas wie eine Verwehung. Die hauchdünnen, abgetragenen Schichten gleiten und schieben sich mal über-, mal ineinander, mal langsam, mal mit voller Wucht. Sie verdichten sich, jedoch nicht, um zu bleiben. Sie ballen sich zusammen und vergehen dennoch, um schließlich wiederzukehren. Die raumfüllenden Geräusche und die Größe der Projektion, die vom Boden bis an die Decke reicht, betten uns ein und versetzen uns sogleich in den Zustand einer Ambivalenz, die sich zwischen passivem Betrachten und Gewahrwerden eigener innerer Befindlichkeiten spannt. Denn das, was wir zu sehen und zu hören meinen, offenbart keineswegs im Lichtschein besonderer Dimensionalität eine klare Deutung. Die reflexive Überwindung kurzschlüssiger Annahmen kommt hier ins Stocken. Je länger wir hinschauen und hinhören, desto stärker verändert und verschiebt sich unsere Wahrnehmung. Die Installation wirkt mit einem Male subtiler, die endlose Wiederkehr der audiovisuellen Elemente vielschichtiger und feiner. Das zusätzliche Fehlen eines Horizonts als ultimative Orientierungshilfe kehrt das, was wir salopp als „Naturbetrachtung“ beschreiben würden, zu einer inneren Befragung, zu einer Projektion innerhalb einer Projektion.
Dieses seltsam Unbestimmte, das sich hier nicht eindeutig fassen lässt, über-fordert und fordert uns zugleich.
Was sich dabei herausschält, trachtet nicht nach dem Sinn einer unmittelbaren Erkenntnis, nach dem Sinn eines unverstellten und eindeutigen Zugangs zu dem, was wir in Begriffen wie das Leben, die Welt, Natur, Umwelt, ja die Wirklichkeit fassen. Hingegen verdichtet es sich zu der Frage: Wonach suchen wir? Was suchen wir, wenn wir etwas wahrnehmen und betrachten?
Die Künstlerin Kathrin Horsch sucht in der Verschiebung und Verdichtung der audiovisuellen Elemente ihrer Installation nach der Fata Morgana. Die historischen Auseinandersetzungen mit diesem Phänomen sind geprägt durch das Bestreben, den menschlichen Verstand von erkenntnistrübenden Störungen zu reinigen. Deren Ziel ist eine direkte Begegnung des erkennenden Subjektes mit der Wirklichkeit. Obwohl sich diese optisch-physikalische Besonderheit anhand der Lichtbrechungsgesetze bereits im 18. Jhd. recht gut rational-wissenschaftlich erklären lassen, bleibt die Täuschungsabsicht, in der Tradition eines „voluntas ad fallendum“ (der Wille zu täuschen), an der Fata Morgana weiterhin haften. Kathrin Horsch folgt nicht diesem Narrativ. Es geht ihr nicht um die Aufdeckung passabler Kriterien eines Wahrheitsanspruchs. Vielmehr sucht sie nach einem sinnlichen Zugang zu „Dingen“, die sich einer begrifflichen Fixierung zumindest teilweise entziehen. Sie führt uns „hinters Licht“ wie „ans Licht“ gleichermaßen. Sinneswahrnehmungen, Reflexionen, Intensivierung. Mit ihrer Installation simuliert sie ein Zurechtkommen in einer Welt, die im Begriff ist, sich uns ständig zu entziehen, und in der wir – ob wir es wollen oder nicht – uns dennoch zurechtfinden müssen.
Wie die Figuren aus Virginia Woolfs Roman „The Waves“ werden auch wir mit der endlosen Komplexität menschlicher Erfahrung konfrontiert, die uns mangels Orientierung allzu oft in den Zustand der Selbstbezogenheit versetzt: „Ja, dies ist die ewige Erneuerung, das unaufhörliche Ansteigen und Verebben, Verebben und Wiederansteigen.“ Indes markiert die immerwährende Abfolge des Aufkommens und Verschwindens in Horschs Arbeit als ewige Wiederkehr nicht bloß das Vergehen der Zeit. Das, worauf es hier ankommt, sind die Mikroprozesse der permanenten Anrufung einer Wirklichkeit, die trotz aller Flüchtigkeit, in ihrer Intensivierung zumindest temporär den Status einer sinnlichen Gewissheit bekommt.

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